Präventive Hausbesuche für Senioren und Patientenlotsen in Gesundheitszentren - Neue Einsatzchancen für ambulante Pflegekräfte

Submitted by Pitschke on Di, 01/29/2019 - 14:51

Präventive Hausbesuche für Senioren und Patientenlotsen in Gesundheitszentren

Neue Einsatzchancen für ambulante Pflegekräfte

Ambulanten Pflegefachkräften, die sich spezialisieren, eröffnen sich neue Einsatzfelder z. B. bei präventiven Hausbesuchen für Senioren und in Gesundheitszentren. Wie sich mit ihnen die ambulante Versorgung verbessern lässt, erklären Experten beim Deutschen Pflegetag 2019.

International gehören sie seit vielen Jahren zu den üblichen Gesundheitsangeboten: präventive Hausbesuche für Senioren. In Deutschland gibt es seit rund 20 Jahren zahlreiche Modellversuche dazu. Vorbeugend berieten insbesondere speziell geschulte Pflegekräfte noch weitgehend selbstständige und gesunde Ältere zwischen 75 und 80 Jahren, was im Pflege- oder Krankheitsfall zu tun ist. Nun setzt sich Prof. Dr. Frank Weidner, Vorstandschef und Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung e.V. (DIP), dafür ein, präventive Hausbesuche für Senioren hierzulande endlich flächendeckend anzubieten. Damit löse die Bundesregierung auch ein Versprechen ihres Koalitionsvertrags ein.

Der Pflegewissenschaftler weiß, wovon er spricht: Tausende solcher freiwilligen Hausbesuche hat das DIP mit eigenen Projekten wie „mobil“, „POP Siegen-Wittgenstein“, „PräSenZ“, „SUSI TD“, „Gemeindeschwester plus“ und „PAKT“ in über 20 Kommunen in mehreren Bundesländern umgesetzt, dokumentiert, ausgewertet und überprüft. Frank Weidner: „Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, dass präventive Hausbesuche sehr gut geeignet sind, ältere Menschen frühzeitig zu erreichen, zu sensibilisieren, zu informieren, zu befähigen und sie dabei zu unterstützen, sich mit dem eigenen Risiko der Pflegebedürftigkeit auseinanderzusetzen.“ Dadurch könnten sie sich rechtzeitig gezielter informieren, fühlten sich oft sicherer und könnten bei Bedarf besser Hilfe und Unterstützung für sich organisieren. Ganz nebenbei lieferten die Hausbesuche wertvolle Informationen für Kommunen und weitere Akteure zu Pflege- und Betreuungsbedarfen in Quartieren und Stadtteilen, um genauer planen zu können.

Nachholbedarf bei Prävention

Leider tue sich Deutschland im Kontext von Pflegebedürftigkeit mit Präventionsprogrammen schwerer als viele Nachbarländer. Weidner: „Unser Sozialleistungsrecht und das darin verankerte Subsidiaritätsverständnis betonen immer noch stark die Selbsthilfe der Menschen bis das solidarisch getragene Unterstützungssystem greift.“ Doch der Volksmund wisse es besser: Vorbeugen ist nicht selten besser als Heilen.

Tipp: Prof. Dr. Frank Weidner referiert beim Deutschen Pflegetag am Freitag, 15. März, 9.30 Uhr zum Thema „Präventive Hausbesuche“ in der Session „Ambulante Versorgung – neu gedacht“.

Die Rolle der Pflege in Gesundheitszentren

Für den verstärkten Einsatz von spezialisierten Pflegekräften in Gesundheitszentren macht sich Ruth Mengel, MBA und Casemanagerin am Ärztezentrum Büsum, stark. Vor dem Hintergrund der Demographie, des medizinischen Fortschritts und des steigenden Anteils hochbetagter multimorbider Menschen seien professionell Pflegende in Gesundheitszentren als Vermittler und Patientenlotsen immer mehr gefragt. Sie könnten Patienten sicher durch die Vielzahl an Angeboten geleiten und deren Autonomie und Teilhabe fördern. Dabei müsse es gelingen, so Mengel, ein zentrales gesetzliches Patientenrecht zu gewährleisten - die Information und der Einbezug der Betroffenen in Entscheidungen zu ihrer Gesundheitspflege.

„Gesundheitszentren in der ambulanten Versorgung haben sich in Spanien, Kanada und Skandinavien bereits gut etabliert“, weiß Ruth Mengel. Dort seien Pflegekräfte als Vermittler und Patientenlotsen nicht mehr wegzudenken. Mengel: „Der Patient wird dort so wenig wie möglich in Krankenhäusern versorgt und in seiner Eigenständigkeit gefördert.“ Vorteile des Casemanagements durch professionelle Pflegekräfte:  

  • Strukturiert erheben sie den Behandlungsbedarf von Patienten und den Hilfebedarf der Angehörigen.
  • Individuell steuern sie für multimorbide Patienten die Prozesse im Versorgungssystem.
  • Sie liefern Ideen zur Organisation der internen und externen Behandlungsprozesse.
  • Sie sorgen für einen reibungslosen Informationsfluss zwischen verschiedenen Behandlern und Dienstleistern.
  • Sie erhalten und steigern die Qualität in der Praxis.

 „Keine andere Berufsgruppe hat intensiveren und kontinuierlichen Kontakt zu Patienten als professionell Pflegende“, betont Ruth Mengel. Daher eigneten sie sich besonders gut für das Casemanagement in Gesundheitszentren, was ihnen ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit, Empathie und Durchhaltevermögen abverlange. Die Berufsgruppe Pflege nehme seit Jahren in stationären Einrichtungen eine große Vermittlerfunktion ein und erreiche eine hohe Vertrauensbasis. Mengel: „Was sich dort schon lange bewährt hat, kann und sollte nun in Gesundheitszentren ausgeweitet werden.“

Tipp: Ihren Vortrag „Die Rolle der Pflege in Gesundheitszentren“ in der Session „Ambulante Versorgung neu gedacht“  hält Ruth Mengel beim Deutschen Pflegetag am Freitag, 15. März, ab 10 Uhr.

Pflege mehr am Menschen orientieren

„Ich finde keinen Pflegedienst, der meinen beatmeten Mann versorgt.“ „Meine Freunde sagen oft: Nimm Dir eine Auszeit, bring Deine Mutter doch in die Kurzzeitpflege. Wenn die wüssten, wie schwer das ist, einen Platz zu finden.“ Derartige Hilferufe pflegender Angehöriger haben sich beim Berliner Verein „Wir pflegen“ gehäuft.  Weil pflegende Angehörige als „größter Pflegedienst der Nation“ oft über Jahre nicht die passenden Hilfen erhalten, dringt diese „Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland“ darauf, dass sich Pflege mehr an den Bedürfnissen der Menschen orientiert statt sich weiter in den Grenzen eines „marktwirtschaftlich geprägten Systems“ zu bewegen. Sprecherin Susanne Hallermann: „Die Not in den Familien wächst mit steigendem Pflegebedarf und ist für viele kaum zu überbrücken, denn alternative Pflegeentlastung für die Betroffenen gibt es kaum.“

Fehlende Hilfen und Entlastungen führten bei pflegenden Angehörigen, die über Jahre körperliche und emotionale Höchstleistungen vollbringen, zu Erschöpfungszuständen. Obwohl 76 Prozent aller Pflegebedürftigen familiär versorgt werden und 90 Prozent der Bevölkerung so lange es geht zu Hause gepflegt werden will, sei die Unterstützung für pflegende Familien und Freunde trotz vieler Pflegereformen „immer noch minimalistisch und völlig unzureichend“, beklagt Hallermann. Daher müssten sich Pflegeunterstützung und Pflegesystem künftig bedarfsgerecht in erster Linie auf die ambulante Pflege konzentrieren.

Wende im Pflegesystem gefordert

Hallermann fordert eine grundlegende Wende im Pflegesystem, das einige Profit-Akteure zu Gewinnern mache und primär die institutionelle Pflege in Heimen bevorzuge, während Pflegebedürftige, Angehörige und beruflich Pflegende zu Verlierern würden. „Pflege darf nicht weiter den Familien aufgelastet werden, sondern muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe politisch und sozialgesetzlich nachhaltig verankert werden“, meint die Sprecherin des Vereins „Wir pflegen“. Zudem müsse Pflege zunehmend von Kommunen organisiert werden, was intelligenter politischer Rahmenbedingungen und Investitionen bedürfe.

Für sinnvoll hält es Hallermann, sämtliche Angehörige entlastenden Leistungen in einem Pflegebudget zusammenzuführen, um das „Pflege-Beantragungs-Wirrwarr“ zu entzerren und Bürokratie abzubauen.  Rechtsansprüche auf Tages-, Nacht- und Kurzzeitpflege sowie Reha sollten eingeführt werden, was ein ausreichendes Angebot an stationären und teilstationären Hilfe mit ausreichend Fachpersonal nötig mache. Mehr Investitionen in die ambulante Pflege, eine präventiv aufsuchende, vor allem unabhängige Pflegeberatung sowie die Wiedereinführung der früheren „Gemeindeschwester“ sind weitere Forderungen Hallermanns.

Tipp: Ihren Vortrag „Weg vom System – hin zum Menschen“ hält Susanne Hallermann beim Deutschen Pflegetag am Freitag, 15. März, ab 10.30 Uhr in der Session „Ambulante Versorgung – neu gedacht“.