MHH kooperiert in der Region Shenzen mit China

Submitted by Pitschke on Do, 01/31/2019 - 11:10

MHH kooperiert in der Region Shenzen mit China"

Pflege-Qualitätsoffensive im Reich der Mitte

Die Pflegeausbildung in China hat Nachholbedarf, um die wachsenden Ansprüche der Bevölkerung an die Gesundheitsversorgung zu erfüllen. Deutschland mit seinem dualen Bildungssystem kann dabei ein guter Partner sein, belegen Kooperationsprojekte der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) mit dem Reich der Mitte. 

Seit einigen Jahren treiben China und der Westen die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen voran. „Angesichts des prognostizierten globalen Versorgungsengpasses an Fachpersonal ist eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung ein dringendes Anliegen der chinesischen Regierung“, sagt Iris Meyenburg-Altwarg, Geschäftsführerin Pflege an der MHH. So soll das Pflegepersonal auch durch Kooperation mit Deutschland und seinem dualen Bildungssystem befähigt werden, die Gesundheitsversorgung der wachsenden Bevölkerung qualitativ und quantitativ zu erfüllen.

Deutlich unterscheiden sich die Rahmenbedingungen beider Länder, was nicht alle Lösungsansätze übertragbar macht: Krankenversichert sind seit 2008 erst gut 80 Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen, denen nur etwa 80 Prozent der Gesundheitsleistungen von der staatlichen Versicherung refinanziert wird. Pro 1.000 Einwohner standen 2014 etwa 2,2 Krankenpflegekräfte in China zur Verfügung (Durchschnitt Asien: 3,3, EU: 8,4). Eine schnelle Zunahme der Altersentwicklung (Lebenserwartung 1979: 66 Jahre, 2015: 76 Jahre), ein geringer Frauenanteil aufgrund der Ein-Kind-Politik bis 2015, ein starker Anstieg des Pflegebedarfs insbesondere in der Altenpflege und Fachkräftemangel prägen Chinas Entwicklung.

Fünf pflegerische Bildungsstufen

Bei der Ausbildung von Pflegefachpersonen kennt China fünf pflegerische Bildungsstufen: Fachoberschule, College, Bachelor, Master, Philosophical Doctorate (PHD). Meyenburg-Altwarg: „Klassische Weiterbildungen mit einem hohen Praxisanteil wie in Deutschland gibt es nahezu nicht.“ Lehrpläne in China sind zumeist nach dem traditionellen „disziplinierte Modell“ strukturiert, mit Frontal-Unterricht und den Schwerpunkten Fächerorientierung und klinische Erkrankungen, sind also biomedizinisch ausgerichtet. „Die Pflegebildung in China sollte jetzt vom biomedizinischen hin zu einem am Pflegeprozess orientierten Modell mit eigenständiger Existenzberechtigung weiterentwickelt werden“, meint die MHH-Geschäftsführerin Pflege.

Standardisierte Lerninhalte übernähmen Auszubildende und Studierende nur durch Mitschreiben und passives Konsumieren. Theorie und Praxis seien weiterhin getrennt. Meyenburg-Altwarg: „Außerdem werden Bereiche außerhalb der akutstationären Versorgung in der Pflegeausbildung wenig berücksichtigt.“ Grundsätzlich brauche das Bildungsangebot für Pflegende in China mehr pädagogische Modelle des Problemlösungs- und Rollenspiel-zentrierten Lernens, um Outcome- und kompetenzorientierte Lehrpläne zu ermöglichen, betont sie.

Hoch spezialisierter Einsatz im Krankenhaus

In der ambulanten Pflege, Altenpflege und Rehabilitation arbeiten chinesische Pflegefachkräfte  aufgrund der bisherigen Struktur fast gar nicht. Hauptsächlich werden sie im akutstationären und ambulanten medizinischen Bereich eingesetzt. In Städten sind medizinisch und technisch gut ausgestattete Krankenhäuser mit 1.000 bis 3.000 Betten durchaus üblich, die einen extrem hohen Anteil an ambulanten Patienten versorgen.

Hoch spezialisiert und standardisiert werden Pflegefachkräfte in Kliniken eingesetzt, um dem hohen Patientendurchlauf gerecht zu werden. So ist es üblich, dass Pflegekräfte zum Beispiel ausschließlich Infusionen legen, andere nur die Medikation kontrollieren und wieder andere nur die Infusionstherapie überwachen. Teilzeitmöglichkeiten und die Work-life-balance für Pflegende werden noch nicht im täglichen Klinikgeschehen berücksichtigt. Stattdessen sind für sie Tages- und Nachtschichten von je 12 Stunden zumeist die Regel. „Eine größere Flexibilisierung bei Arbeitszeiten und -abläufen würden die hohe Arbeitsbelastung der Pflegenden deutlich reduzieren“, meint Iris Meyenburg-Altwarg.

„Pflegende übernehmen in China in hohem Maße Tätigkeiten, die hierzulande im ärztlichen Bereich angesiedelt sind und tendenziell die ärztliche Assistenz ausführt“, weiß die MHH-Geschäftsführerin Pflege. Pflegende in China, die alle der Nursing Association angehören, seien immer noch dem ärztlichen Bereich unterstellt und hätten nach wie vor einen eher niedrigen beruflichen Status.

Chinas Politik unterstützt zunehmend die Weiterentwicklung der Profession Pflege. So erhielt die Pflegedisziplin 2011 vom Staatsrat den Status eines „erstklassigen Subjekts“, was ihre Bedeutung stärkte. Meyenburg-Altwarg: „Die weit verbreiteten, gut zusammen arbeitenden Pflegeorganisationen und Selbstverwaltungen haben über die Jahre durch Beratung der Regierung erhebliche Verbesserungen erreicht.“

Das Sanming-Trainingsprogramm

Seit Anfang 2017 gibt es ein China-German Joint Trainings-Programm (Sanming), das Iris Meyenburg-Altwarg als Gastprofessorin an der South Medical University in Guangzhou mit der chinesischen Professorin Cai leitet. Damit werden vier Advanced Specialist Nursing Practice-Kurse für die Großregion Shen­zhen gemeinsam entwickelt und umgesetzt. Das bis 2021 laufende Projekt mit der Medizinischen Hochschule Hannover wird von der chinesischen Regierung gefördert. In den vier Fachbereichen Intensiv-, Operations- und Anästhesiepflege sowie Hebammenwesen kooperieren die Beteiligten auf Masterlevel.

Besonderheit: Gemeinsam gestalten sie Curricula mit vergleichbaren europäischen Richtlinien und setzen theoretische Inhalte mit modernen Unterrichtsmethoden und Konzepten um. Auf die Verknüpfung von Theorie und Praxis wird großen Wert gelegt. Die Studierenden sind Pflegefachpersonen mit langjähriger Berufserfahrung und akademischen Abschlüssen, die auf Englisch online kommunizieren. Strukturiert als monatliche Online-Meetings dauern deren Weiterbildungskurse normalerweise drei bis vier Monate und finden in einer virtuellen Lernumgebung für Pflegefachkräfte und Hebammen statt.

Ziel ist der kontinuierliche Ausbau einer bedarfs- und zukunftsorientierten Pflegeexpertise zur Qualitätssteigung in der klinischen Praxis, vergleichbar mit den hier bekannten Einsatzbereichen von Advanced Nursing Practitioners (ANP). Trotz aller organisatorischen und kulturellen Hürden des Sanming-Projektes  gelangen laut Iris Meyenburg-Altwarg der bisherige kontinuierliche Austausch, das Lernen voneinander und der Theorie-Praxis-Transfer.

Tipp: Ihren Vortrag „China - Gesundheitswesen, Strukturen und Qualifikationen: Qualitätsoffensive im Reich der Mitte“ hält Iris Meyenburg-Altwarg beim Deutschen Pflegetag im Rahmen der Session „Einblicke in das Wesen der pflegerischen Versorgung Chinas“ am Freitag, 15. März, ab 14 Uhr. Im Anschluss ab 14.30 Uhr referiert Hebamme Valentina Bronzo zum Thema „Von Barrieren keine Spur: Gemeinsame Weiterbildung auf Masterniveau: Sanming, Hannover, Shenzhen. Zwei Praxisprojekte überwinden Entfernungen und Sprachbarrieren”