Ambulante Behandlung psychisch Kranker und Betreuung ihrer Kinder

Submitted by Pitschke on Di, 01/29/2019 - 14:53

Ambulante Behandlung psychisch Kranker und Betreuung ihrer Kinder

Neue gemeindepsychiatrische Versorgungskonzepte

Neue gemeindepsychiatrische Versorgungskonzepte stehen im Blickpunkt mehrerer Vorträge beim Deutschen Pflegetag. Daraus ergeben sich auch neue Perspektiven für Pflegekräfte in der Psychiatrie.

Als reizvolles Arbeitsfeld für Pflegekräfte in der Psychiatrie hat sich die neuartige ambulante „Stationsäquivalente Behandlung“ (StäB) erwiesen, weiß Martin Holzke vom ZfP Südwürttemberg. Die StäB ist einer vollstationären Behandlung gleichwertig und wurde mit dem „Gesetz zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen“ (PsychVVG) im Januar 2018 eingeführt.

„Wer nach diesem neuen Modell behandelt werden will, muss vollstationär behandlungsbedürftig sein“, nennt der Pflegedirektor der Klinik für Psychiatrie und Psychiatrie Ravensburg-Bodensee eine der Voraussetzungen. Bietet eine Klinik diese häusliche Versorgung an, trägt sie rund um die Uhr Therapieverantwortung und muss sicherstellen, dass der Patient jederzeit vollstationär aufgenommen werden kann. Ärzte, Pflegende und mindestens eine weitere Berufsgruppe der psychiatrischen Versorgung bilden das jederzeit erreichbare StäB-Behandlungsteam. Zudem hat an jedem Wochentag mindestens ein persönlicher Kontakt mit dem Patienten stattzufinden.

Die Behandlungsschwerpunkte der StäB ähneln denen einer vollstationären psychiatrischen Behandlung. Die Grundidee: Gemeinsam plant das StäB-Team die Behandlung, wobei einzelne Tätigkeiten nicht mehr nach der Grundausbildung, sondern nach der persönlichen Kompetenz der Mitglieder zugeordnet werden.

Eine erste Dokumentationsanalyse ergab laut Holzke, dass die stationsäquivalente Behandlung Patienten stärker bei der Haushaltsführung unterstützt und fördert. Befürchtungen, dass es bei der aufsuchenden StäB zu weniger Kontakten zwischen Behandlungsteam und Betroffenen als bei der vollstationären Versorgung komme, hält er für unbegründet.

Mehr Autonomie für Pflegende

Im Gegensatz zur Arbeit in stationären Teams seien Pflegende bei der StäB mehr gefordert, selbstständig und verantwortlich eigene fundierte Entscheidungen zu treffen. Martin Holzke: „Für viele Pflegende ist dies eine willkommene neue Erfahrung, da Prozesse der Entscheidungsfindung ansonsten eher als Teamentscheidungen konzipiert sind.“ Für grundsätzlich gut umsetzbar hält Holzke das neue Versorgungsangebot. Je mehr Patienten stationsäquivalent betreut würden, desto einfacher seien Organisation und Logistik der neuen Behandlungsform.

Tipp: Zum Thema „Stationsäquivalente Therapie in der Psychiatrie“ referiert Martin Holzke beim Deutschen Pflegetag am Samstag, 16. März, ab 9.30 Uhr in der Session „Ambulante Versorgung am Beispiel gemeindepsychiatrischer Versorgungskonzepte“.

AMSOC-Patenschaften für Kinder psychisch Erkrankter

In Deutschland sind über drei Millionen Kinder und Jugendliche von psychischen Erkrankungen ihrer Eltern betroffen. Da sie oft an chronischen vielfältigen Belastungen leiden und selbst sehr gefährdet sind, psychisch zu erkranken, vermittelt der Berliner Verein AMSOC e. V. ihnen in der Hauptstadt schon seit 2005 qualifizierte ehrenamtliche Patinnen und Paten als langfristig verlässliche Bezugspersonen. „Die psychische Erkrankung eines Elternteils gilt als einer der stärksten Risikofaktoren für die Entwicklung einer psychischen Störung bei Minderjährigen“, betont Angela Kern, Koordinatorin der Patenschaften.

Die teilnehmenden Eltern sind an Depressionen, einer bipolaren Störung, Schizophrenie, einer posttraumatischen Belastungsstörung oder einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erkrankt. Durch seine Arbeit stiftet der Verein AMSOC Beziehungen zwischen den belasteten Familien und den Ehrenamtlichen und begleitet jede Patenschaft fachlich bis zur Volljährigkeit des Kindes.

„Die Paten betreuen diese Kinder mindestens einmal in der Woche und an einem Wochenende im Monat bei sich zu Hause oder sie unternehmen etwas mit ihnen“, schildert Angela Kern. In Krisenzeiten der Eltern sind die Paten auch bereit, deren Kind bis zu acht Wochen bei sich zu Hause aufzunehmen. Kern: „Dadurch vermeiden wir die Fremdunterbringung der Kinder durch das Jugendamt.“ Die Kinder gut versorgt und sich gut von den Paten entlastet zu wissen, trage auch zur Genesung und Stabilisierung erkrankter Eltern bei. Grundsätzlich würden die Paten von den Kindern gut angenommen, da sie nicht als „Kontrolleure“ des üblichen Hilfesystems durch Jugendämter etc. wahrgenommen werden.

Hohe Anforderungen

Die Aufnahme in den Patenpool bei AMSOC ist an hohe Bedingungen geknüpft. Interessierte müssen einen Info-Abend absolvieren, sich schriftlich bewerben, sich persönlich vorstellen und an einer fünfmoduligen Schulung teilnehmen. Bei der Schulung für das anspruchsvolle Ehrenamt lernen sie u. a. verschiedene Krankheitsbilder und typische Auswirkungen auf die Kinder kennen. Sie erfahren auch, welche wichtigen Einrichtungen zum Berliner Hilfesystem für Menschen mit psychischer Erkrankung und deren Kindern gehören.

„Durch die enge Beziehung zwischen Paten und Herkunftsfamilie sowie die stetige fachliche Begleitung durch die Koordinatorinnen können auch kindeswohlgefährdende Situationen in den Familien eingeschätzt und bei Bedarf reguliert werden“, unterstreicht Kern.

Tipp: Ihren Vortrag „Patenschaften für Kinder von psychisch kranken Eltern als neuer Baustein in der Gemeindepsychiatrie“ hält Angela Kern beim Deutschen Pflegetag am Samstag, 16. März, ab 10 Uhr in der Session „Ambulante Versorgung am Beispiel gemeindepsychiatrischer Versorgungskonzepte“

Ambulante Psychiatrische Pflege ausbauen

Für einen Ausbau der Ambulanten Psychiatrischen Pflege (APP) macht sich der Pflegedienstleiter des Klinikums am Weissenhof in Weinsberg, Michael Theune, stark. Die APP zählt zur Regelversorgung nach dem Krankenversicherungsgesetz (SGB V) und muss durch Fach- und Hausärzte für psychisch erkrankte Patienten verordnet werden. Näheres zu den Leistungen hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) 2018 in seiner neuen HKP-Richtlinie für die psychiatrische häusliche Krankenpflege festgelegt.

Theune hält es für sinnvoll, die Ambulante Psychiatrische Pflege künftig auch als verordnungsfreie Erstversorgungsleistung anzubieten. Qualifizierte Pflegende könnten dann stärker als stetig mit Patienten arbeitende Casemanagerinnen eingesetzt werden, was die fachärztliche Versorgung und die Vernetzung von Pflege und Medizin verbessere.   

Weiterer Knackpunkt laut Theune: „In der Realität steht die APP derzeit im häuslichen und damit im gemeindepsychiatrischen Versorgungssystem einer Vielzahl von betroffenen Menschen gar nicht zur Verfügung. Von einer flächendeckenden Versorgung sind wir in der Bundesrepublik Lichtjahre entfernt.“ Hier sieht der Pflegedienstleiter Handlungsbedarf, zumal die fachärztlich-psychiatrische Versorgung auch durch die zunehmende Überalterung der Bevölkerung gerade in Flächenregionen immer geringer werde.

Qualifizierte APP müsse auf evidenzbasiertem Arbeitshandeln von Pflegenden beruhen, da dies im Pflegeprozess aktueller Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse sei. Gleichzeitig verlange gute ambulante psychiatrische Pflege ein individualisiertes, nicht standardisierbares situatives Handeln von Pflegenden, um auf die spezifische, oft existentiell belastende Situation von Patienten mit eingeschränkter Selbstpflegekompetenz einzugehen. Es gelte auch die Lebenswelt der Patienten zu erfassen sowie deren Autonomie und Teilhabe zu fördern.

Theune: „Die APP ist auf dem Weg in ein eigenes, hochqualifiziertes Handlungsfeld, welches im Sinne einer vernetzten und kooperativen Zusammenarbeit mit allen an der psychiatrischen Versorgung beteiligten Leistungsanbietern als wertvolle Ressource und Komponente ausgebaut und gestärkt werden sollte.“

Tipp: Seinen Vortrag „Möglichkeiten und Grenzen der neuen Richtlinien für die ambulante psychiatrische Pflege“ hält Michael Theune beim Deutschen Pflegetag am Samstag, 16. März, ab 9 Uhr in der Session „Ambulante Versorgung am Beispiel gemeindepsychiatrischer Versorgungskonzepte“.