Prof. Dr. Thomas Fischer

Professor für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Altenpflege an der ehs Dresden

Worin sehen Sie aktuell die größte Herausforderung für die Pflege?
Für unsere Berufsgruppe besteht aus meiner Perspektive die fundamentale Herausforderung darin, zu verdeutlichen, welchen Beitrag die Pflege als Heilberuf zur gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung leistet und welches Potenzial derzeit nicht ausgeschöpft wird. Was bedeutet Pflege für die Gesunderhaltung und die Gesundheitsförderung Einzelner und insbesondere besonders vulnerabler Gruppen? Was trägt Pflege dazu bei, dass Menschen ein erfülltes und produktives Leben trotz Krankheit und Funktionseinschränkungen führen können? Wie sorgt Pflege für die Sicherheit von PatientInnen und Pflegebedürftigen? Was bringen Pflegende ein, um zur Gesundung von Menschen beizutragen? Wie bewahren und schützen Pflegende die Menschenwürde von Pflegebedürftigen, vom ersten bis zum letzten Atemzug?

Wenn es uns gelingt, hierfür ein Verständnis in der Berufsgruppe, in der Bevölkerung, in Politik und Selbstverwaltung zu erreichen, haben wir eine solide Basis, um die notwendigen Strukturveränderungen in Bildung, Verantwortungszuschnitt, Kooperation im Gesundheitswesen, Forschung und Wissenschaft sowie nicht zuletzt in unseren Arbeitsbedingungen zu erreichen. Und das kann den Pflegeberuf wieder so attraktiv machen, wie er es verdient.

Szenario 2030: Wenn sich nichts ändert, wie wird die Pflegelandschaft in naher Zukunft aussehen?
Wenn sich  nichts ändert, kommen weiterhin und wahrscheinlich noch zunehmend PatientInnen und Pflegebedürftige zu schaden – bis hin zu ihrem unnötigen, vorzeitigen Tod. Das Gesundheitswesen lässt die schwächsten Gruppen der Bevölkerung im Stich, wenn sich an den traditionellen Aufgaben- und Verantwortungszuschnitten nichts ändert und wenn die Potenziale der Pflege nicht genutzt werden, um flexiblere und bedarfsgerechtere Angebote zu schaffen. Das wird ältere Menschen, Menschen aus benachteiligten Milieus, Kinder mit gesundheitlichen Bedarfen, pflegende Angehörige, MigrantInnen, die Bevölkerung im ländlichen Raum und viele andere besonders betreffen. Die Chancen der Digitalisierung werden nicht hinreichend bei den Menschen ankommen und Menschen mit chronischen Erkrankungen werden in noch stärkerem Maße benachteiligt.

Die große Gefahr ist, dass die Pflege als Heilberuf sowohl quantitativ, als auch qualitativ ausblutet und als Hilfsberufs vor sich hin vegetiert. Die Folge wäre, dass Menschen nicht oder nicht in vollem Umfang die gesundheitliche Versorgung bekommen, die sie brauchen – weil niemand da ist, der den pflegerischen Beitrag dazu leisten kann.

…der Deutsche Pflegetag 2019 bedeutet für mich:
Der Deutsche Pflegetag ist ein Energiespender, weil er zeigt, was wir Pflegenden können und leisten. Er trägt dazu bei, uns gegenseitig den Rücken zu stärken. Er inspiriert und verhilft Ideen und Initiativen zu Öffentlichkeit. Er stärkt unser Bündnis mit der Bevölkerung, aber auch in der Selbstverwaltung und der Politik.

Nicht zuletzt legt er aber auch Konfliktlinien offen, an denen wir als Berufsgruppe selbstbewusst unsere Stimme erheben und unsere Kompetenz einbringen.