Dr. phil. Günter Meyer

Vorstandsmitglied Anbieterverband qualitätsorientierter Gesundheitspflegeeinrichtungen, Berlin

Worin sehen Sie aktuell die größte Herausforderung für die Pflege? 
Es sind vor allem drei große Baustellen, die akut die Pflegemisere bestimmen und für die schnellstens eine Lösung geschaffen werden muss. Erstens die Personalknappheit in allen Bereichen der pflegerischen Versorgung. Es muss so schnell wie möglich eine Entlastung für die Kollegen in der täglichen Pflege geschaffen werden. Hier sind sicherlich mehrere Stellschrauben zu bedienen, um auch kurzfristig neue Mitarbeiter zu akquirieren. Ideologische Auseinandersetzungen können wir uns an dieser Stelle nicht mehr erlauben.

Zweitens, damit eng verbunden, sind die viel zu niedrigen Löhne. Hier gilt es, ganz schnell die dafür notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Dieser Punkt ließe sich sofort mit einem politischen Willen realisieren und es gibt keine Entschuldigung für die verantwortlichen Politiker, sich hier hinter Sonntagsreden verstecken.

Drittens die fehlende Attraktivität des Berufes braucht sofort eine Aufwertung. Diese positive Konnotation wird jedoch nicht mit einer Absenkung des Ausbildungsniveaus erreicht, sondern im Gegenteil nur durch höhere Qualifikationsanforderungen. Hier könnte eine Akademisierung des Berufes den gesellschaftlichen Diskurs positiv neu bestimmen.

Szenario 2030: Wenn sich nichts ändert, wie wird die Pflegelandschaft in naher Zukunft sein?
Grundsätzlich möchte ich optimistisch bleiben und hoffe sehr, dass die Politiker - und auch die Gesellschaft - die gegenwärtigen Alarmglocken ernst nehmen und wir es schaffen, eine fundamentale Veränderung des Systems zu bewirken. Sollte diese Chance zur Veränderung gegenwärtig nicht genutzt werden, dann brauchen wir nicht bis 2030 zu warten, um eine (noch) düstere Pflegelandschaft zu bekommen.

Wir müssen uns nur die bereits bestehenden Missstände in der Gegenwart anschauen und diese dann entsprechend potenzieren. Schon in 2018 werden allein in Berlin täglich mehrere Tausend Pflegebedürftige von ambulanten Pflegeeinrichtungen abgelehnt, weil es keine Kapazität mehr gibt, um sie zu versorgen. Operationssäle und Intensivstationen müssen bereits heute geschlossen werden aufgrund von fehlenden Pflegekräften. Eine adäquate Versorgung von Menschen mit Demenz in stationären Einrichtungen ist keine Selbstverständlichkeit, ist vom Engagement einzelner abhängig und besitzt keine strukturelle Verbindlichkeit. Eine potenzierte Steigerung dieser bereits notwendigen Missstände ließe ein düsteres Bild für 2030 entstehen.

Der deutsche Pflegetag 2019 bedeutet für mich …ein Ort des Dialogs, des Diskurses, aber auch einer Präsentation der neu gewachsenen Stärke der Pflege in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Der deutsche Pflegetag hat inzwischen eine öffentlichkeitswirksame Größe erreicht und verleiht damit den Themen der Pflege eine gesellschaftliche und mediale Aufmerksamkeit. Die Stärke des Pflegetags liegt darin, dass sie von Pflegekräften für Pflegekräfte gestaltet wird. Mit den brandaktuellen Themen befindet sich der deutsche Pflegetag 2019 am Puls der Zeit und ermöglicht ein Forum für alle Bereiche der Pflege.